Niko Juranek  | August 6, 2023 min

Paul Graham: Das Geheimnis für großartige Arbeit

Paul Grahams Artikel ‚How to Do Great Work‘ ist eine inspirierende Anleitung, die die Bedeutung von Neugier, der Wahl des richtigen Arbeitsfeldes, harter Arbeit und der richtigen Umgebung hervorhebt, um wirklich herausragende Leistungen zu erbringen – ein Muss für jeden, der seine Arbeit auf das nächste Level bringen möchte.

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Kurzzusammenfassung des Essays

Paul Grahams Artikel "How to Do Great Work" ist eine inspirierende Anleitung, die die Bedeutung von Neugier, der Wahl des richtigen Arbeitsfeldes, harter Arbeit und der richtigen Umgebung hervorhebt, um wirklich herausragende Leistungen zu erbringen - ein Muss für jeden, der seine Arbeit auf das nächste Level bringen möchte.

Die Bedeutung von "Great Work"

Erfolg ist ein Ergebnis von Ambition, Durchhaltevermögen und harter Arbeit.

Das Leben ist komplex – Menschen wollen in ihrem Job, Leben erfolgreich sein, und versuchen sich daher stetig zu verbessern. Wenn man in seinem Bereich hervorragend ist, ist das ein riesiger Wettbewerbsvorteil. Nachteil: Es ist meist anstrengend und dauert oft länger, als man sich erwartet.

Gerade in Bereich der Persönlichkeitsentwicklung suchen die Menschen daher nach einfachen Lösungen und Abkürzungen, wie sie ihr volles Potential erreichen, maximal produktiv sein, und ihre besten Leistungen erbringen können.

Leider finden sich dazu oft nur eher oberflächliche Tipps, insbesondere von Personen, die selbst anderen erklären wollen, wie es funktioniert, ohne selbst den Weg gegangen zu sein. Personen, die selbst erreicht haben, was sie sagen und daher wissen, wovon sie sprechen, sind in diesem vielen Lärm oft eher schwer zu finden.

Paul Graham, Gründer des bekannten Start-Up Inkubatoren Y Combinator, ist so ein Vorbild für mich – wenn er etwas sagt, hat das Hand und Fuß, er hat wiederholt gezeigt, dass er es versteht, als Pionier großartige Dinge aufzubauen. Es empfiehlt sich daher, ganz genau zuzuhören und Notizen zu machen, wenn er etwas sagt.

Kürzlich hat er einen neuen, unglaublich detaillierten Essay geschrieben, der genau auf dieses Thema eingeht: "How To Do Great Work", also "Wie man großartige Arbeit leistet" (lies den Essay unbedingt im Original, wenn er auch sehr lang ist!). [1]

Im heutigen Artikel möchte ich auf die wichtigsten Punkte eingehen und meine persönlichen Learnings zusammenfassen:

Key Learnings und Notizen zu "How To Do Great Work" von Paul Graham

1. Definition: Was ist "großartige Arbeit"?

Vorab ist zu erwähnen, dass Graham selbst keine Definition abgibt, was "großartige Arbeit" eigentlich genau bedeutet. Für ihn bedeutet es lediglich, etwas

"Wichtiges so gut zu machen, dass man die Vorstellungen der Menschen von dem, was möglich ist, erweitert".

Die Menschen sollen sich auf ihre Interessen konzentrieren, anstatt sich darüber Gedanken zu machen, ob sie wichtig sind oder nicht – und es den künftigen Generationen überlassen, zu bewerten, ob man erfolgreich war. Ambition setzt er natürlich voraus.

2. Wie finde ich die "richtige" Arbeit, die es wert ist, Zeit hineinzustecken?

Begabung, Interesse & Möglichkeit

Gerade junge Menschen tun sich dabei oft sehr schwer, herauszufinden, was sie selbst interessiert bzw. was sie gut können. Graham relativiert dies, indem er sagt, dass das gar nicht so wichtig sei, und dass man sich Zeit geben solle, weil sich das durch das zunehmende Entdecken erst zeige.

Für die Wahl der passenden Arbeit braucht man ihm zufolge drei Dinge:

  1. Eine gewisse natürliche Begabung
  2. Ein tiefes Interesse in einem / mehreren Bereiche(n)
  3. Die Möglichkeit für Großartigkeit

Die Begabung ist gewissermaßen der einfachste Punkt – in der Regel gibt es etwas, was du geschickter machst, als andere, etwas, das sich für dich einfach natürlich anfühlt. Das ist auch, was Naval Ravikant sagt:

"Finde etwas, das sich für andere wie Arbeit anfühlt, für dich aber wie ein Spiel."[2]

Basketball-Legende Michael Jordan, Physiker und Erfinder des Polaroid-Verfahrens Edwin Land, Apple-Visionär Steve Jobs sind nur weitere Beispiele, die das belegen – alle handelten nach dem Prinzip "find work that feels like play". [3]

Im Aufwind bleiben

Manchmal driften aber Begabung und Interesse auseinander, was das Starten zusätzlich erschwert, weil man Angst hat, etwas "Falsches" zu machen. Graham sagt hier, dass man einfach raten und mit einer Sache beginnen solle, da es der einzige Weg sei, die richtige herauszufinden. Die beste Strategie ist, nicht zu viel zu planen – der Arbeitsprozess selbst gibt das beste Feedback.

Er nennt dieses Prinzip "im Aufwind bleiben" und empfiehlt, in jeder Phase das zu tun, was einem am interessantesten erscheint und einem die besten Möglichkeiten für die Zukunft bietet. Rückblickend hätten das nämlich die meisten Menschen, die großartige Arbeit geleistet haben, auch so gemacht. Auch Ravikant schließt sich dem an:

"99 % des Einsatzes sind vergeudet. [...] 99% der Seminararbeitern, die Sie geschrieben haben, der Bücher, die Sie gelesen haben, der Übungen, die Sie gemacht haben und der Dinge, die sie gelernt haben, waren später nicht wirklich relevant. [...] Natürlich zählen diese Lernergebnisse, Sie haben den Wert von harter Arbeit gelernt. [...] Aber zumindest mit Blick auf ein zielorientiertes Lernen zahlt sich nur ungefähr 1% ihres Einsatzes aus." – Naval Ravikant [4]

Dementsprechend ist auch die Möglichkeit für Großartigkeit eher irrelevant – mit genügend Zeit, Versuchen, Erfahrungen gebe es schließlich überall eine gewisse Möglichkeit, Großartigkeit in einem Bereich zu erreichen.

Versuche, der Beste in deinem Bereich zu sein

Mein Lieblingszitat aus dem Essay ist definitiv Grahams Aussage:

"Wenn du nicht versuchst, der Beste zu sein, wirst du nicht einmal gut sein."

Wenn man versucht, der Beste zu sein, hat man in der Praxis oft die Nase vorn. Das ist aufregend und auch seltsam befreiend. Es vereinfacht die Dinge. In mancher Hinsicht ist es einfacher, der Beste sein zu wollen, als nur gut zu sein. Ein weiterer Vorteil davon ist, dass man erst gar nicht versuchen muss, sich von anderen zu unterscheiden, da dies eine notwendige Konsequenz des Tuns ist. Wenn man der Beste ist, setzt man den Standard, an dem sich andere orientieren – nicht umgekehrt. [5]

Wichtig ist dabei auch, eine eigene Definition dafür zu finden, was sinnvolle "Arbeit" für einen persönlich sei, insbesondere da dieser Begriff sehr stark von Erziehung, Ausbildung, gesellschaftlichen Erwartungen etc. geprägt sei: 

"Lass nicht zu, dass andere Leute definieren, was Arbeit ist."

Man solle sich daher stets etwas aussuchen, das einen begeistert und worin man eine gewisse Begabung habe, und einfach loslegen. Die eigene Neugier, die eigenen Begeisterung sind die stärksten Kräfte für großartige Arbeit.

3. Was tun, wenn sich deine Interessen ändern?

Interessen sind der stärkste Antrieb – Folge ihnen

Es ist okay, wenn sich dein Interessensbereich ändert (Graham nennt etwa die Begeisterung für Lego mit 7 Jahren, die mit 14 oder 21 Jahren dann oft nicht mehr vorhanden ist). Das wichtigste ist einfach, die Begeisterung zu erhalten.

Er sieht Neugier als gleichzeitig größten Antrieb, als auch Richtungsweiser, woran du arbeiten sollst. Graham: "Das Interesse wird dich dazu bringen, härter zu arbeiten, als es der bloße Fleiß je könnte.". Zu den Motivationsfaktoren sagt er:

"Die drei stärksten Motive sind Neugierde, Freude und der Wunsch, etwas Beeindruckendes zu tun. Manchmal treffen sie zusammen, und diese Kombination ist die stärkste von allen."

Außerdem seien Themenfelder keine Menschen, weswegen man ihnen keine Loyalität schuldig ist. Wenn man daher im Laufe der Arbeit an einer Sache eine andere entdecke, die spannender ist, soll man nicht zweifeln, zu wechseln. 

Ein wichtiges Thema, das er anspricht, ist Geduld: Oft müsse man erst jahrelang arbeiten und sich weiterentwickeln, bis man das eine Thema für sich entdeckt oder sieht, wie gut man tatsächlich darin ist ("Du musst dich oft mit dem Problem mitentwickeln").

Enger Fokus vs. breites Interesse

Sehr interessant finde ich das Verhältnis von engem Fokus und breiten Interessen, das Graham anspricht. So sei beides wichtig, aber nur im richtigen Verhältnis: Ein zu enger Fokus auf nur einen beengten Bereich sei eine Gefahr, andere Dinge deswegen zu vernachlässigen und nicht weiter zu lernen; viele breite Interessen bringen auch viele neue Ideen und Blickwinkel:

"Es gibt viele Gründe, warum neugierige Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit großartige Arbeit leisten, aber einer der subtileren ist, dass sie, wenn sie ein weites Netz auswerfen, mit größerer Wahrscheinlichkeit die richtige Sache finden, an der sie arbeiten wollen." 

Gleichzeitig warnt Graham ausdrücklich davor, seinen Fokus zu stark zu verwässern: 

"Verteile deine Aufmerksamkeit nicht gleichmäßig auf viele Themen, da du dich sonst verzettelst. Teile sie nach einem "Power-Law" auf."

Das bedeutet, dass man sich zwar auf ein paar wenige Sachen konzentrieren soll, gleichzeitig aber auch eine offene, oberflächliche, nicht bewusst aktive Wahrnehmung auf ein paar andere Dinge:

"Sei beruflich neugierig auf einige wenige Themen und untätig neugierig auf viele andere." 

Das Schlimmste wäre nämlich, sich zu spät und auf der Grundlage sehr unvollständiger Informationen falsch zu entscheiden, bzw. noch schlimmer, seine Begeisterung, Fähigkeiten, die Möglichkeiten nicht zu reflektieren, re-evaluieren und damit bis zum Lebensende einen unglücklichen Pfad zu gehen.

4. Lernen, bis man Wissenslücken erkennt

Lerne, bis du an den Grenzen des Wissens ankommst

Etwas, das niemandem erspart bleibt, ist hart und über lange Zeit konzentriert an der selben Sache zu arbeiten, um wirklich gut darin zu werden. Lerne genug darüber, bis du an den Grenzen des Wissens in dem Bereich ankommst, denn erst dann ist es dir möglich, Lücken zu erkennen, was andere Menschen übersehen haben ("notice the gaps").

Zugegeben, diese zu erkennen ist herausfordernd, weil unser Gehirn Lücken gerne ausblendet, weil es sich lieber ein einfaches Modell von der Welt machen will. Von der Distanz sieht der erforschte "Wissenskreis" eines Bereichs rund und vollständig aus, sieht man aber genau hin, so sind an den Rändern immer Lücken zu finden.

Finde Muster, die andere übersehen

Sieht man in die Geschichte, so kommen viele der größten Errungenschaften bzw. Erkenntnisse von Dingen, die es zwar schon längere Zeit gab, aber von anderen Menschen übersehen wurden. Ein prominentes Beispiel dafür nennt Adam Grant in seinem Buch Originals mit Galileo, der Berglandschaften auf dem Mond nur aufgrund seiner Expertise in der Malerei durch Zick-Zack-Muster und der damit verbundenen hellen und dunklen Flächen erkennen konnte, obwohl sein Teleskop dies technisch aufgrund unzureichender Vergrößerungsleistung damals noch nicht bestätigen konnte. Er hatte die notwendige Wissenstiefe in Physik and Astronomie, aber auch Erfahrungsbreite in Malerei und Zeichnung: 

"Dank seiner künstlerischen Ausbildung in der so genannten "Chiaroscuro"-Technik, die sich auf die Darstellung von Licht und Schatten konzentriert, war Galileo in der Lage, Berge dort zu erkennen, wo andere es nicht taten." [6]

Graham sagt dies mit einer Metapher:

"Der große Preis ist die Entdeckung einer neuen fraktalen Knospe. Man bemerkt einen Riss in der Oberfläche des Wissens, bricht ihn auf, und im Inneren befindet sich eine ganze Welt."

Widersprüche & Anomalien sind dein Freund

Es zahlt sich daher aus dranzubleiben, insbesondere soll man sich von auf den ersten Blick seltsamen und widersprüchlichen Antworten nicht abschrecken lassen. Gerade kleine Anomalien sind oft ein Indikator, an wirklich großartiger Arbeit in einem Bereich dran zu sein. [7]

5. Was tun, wenn andere meine Interessen nicht verstehen bzw. meine Neugier belächeln?

Verfolge Ideen, auch wenn sie aus der Reihe tanzen

Graham sagt dazu ganz klar:

"Verfolge mutig Ideen, die aus der Reihe tanzen, auch wenn andere sich nicht für sie interessieren – oder sogar besonders, wenn sie es nicht tun. Wenn du von einer Möglichkeit begeistert bist, die alle anderen ignorieren, und du über genügend Fachwissen verfügst, um genau das zu sagen, was alle anderen übersehen, dann ist das die beste Chance, die du finden kannst."

Kennst du dieses Gefühl, wenn du nicht beschreiben kannst, warum andere falsch liegen, du es aber nicht in Worte fassen kannst, außer: "Die verstehen es nicht"?. Genau das wird hier gesucht: Das Beste, das dir passieren kann, ist, dass du Lücken entdeckst, die andere nicht wahrnehmen können bzw. vielleicht gar nicht sehen wollen. 

Es ist nicht leicht, "den" Bereich zu finden

Ein Problem ist auch, dass Bildungssysteme in vielen Ländern behaupten, es sei einfach, "sein" Gebiet zu finden. Es wird erwartet, sich schon früh auf einen Bereich festzulegen, lange, bevor man tatsächlich weiß, wie es darin wirklich ist (bspw. wenn bei der Matura festgelegt werden muss, welche Spezialisierung man wählt, um infolge Medizin, Recht, Wirtschaft, Technik etc. studieren zu können. Manche haben Glück und wissen es von vornherein, andere haben Glück und raten richtig – die meisten kämpfen dann aber langfristig mit ihrem Leben, in der Annahme, dass alle richtig raten würden.

Ein eigenes Beispiel ist Recht – ich bin lange in meiner (an der Uni eher theoretisch ausgelegten) Ausbildung davon ausgegangen, es sei zwar nützlich, als gute Basis zu haben, dachte aber nicht, dass ich in dem Bereich tätig sein will bzw. vorstellen konnte, darin auch wirklich gut zu sein. Erst nach ein paar Jahren praktischer Erfahrung in einem juristischen Beruf sah ich die richtig spannenden Dimensionen, entwickelte neue Begeisterung dafür und befinde mich nun in Ausbildung zum angehenden Rechtsanwalt. Wie Graham sagt, man weiß es erst, wenn man es auch wirklich ausprobiert hat.

Seinen Interessen zu folgen, benötigt Mut

Wenn es darum geht, herauszufinden, woran man arbeiten soll, ist man oft auf sich allein gestellt. "Seinen Interessen zu folgen" klingt zwar nach einem sehr passiven Ansatz, ist es nach Graham aber keinesfalls, da in der Regel damit viel Ablehnung und Misserfolg riskiert wird, und man deswegen viel Mut braucht. Es gibt deswegen viele Ablenken und Widerstände, aber auch hier sei das eigene Interesse langfristig der einzige Weg, durchzuhalten.

Das Gute ist, dass Mut und Ungewissheit nicht viel Planung erfordert – Planung funktioniert nur für bekannte Umstände und Ziele. Graham empfiehlt deswegen, hart an aufregend ehrgeizigen Projekten zu arbeiten und etwas Gutes wird dabei herauskommen. Falls notwendig, könne man sich am Weg immer noch an Umstände anpassen und andere Varianten ausprobieren. Ein weiterer Anhaltspunkt ist, dass die Begeisterung mit zunehmender Aktivität und Erfahrung in dem Bereich, in dem man tätig ist, weiter zunehmen sollte – andernfalls ist es wohl doch der falsche Bereich für dich, und du quälst dich nur unnötig, wo etwas anderes auf dich wartet.

Sei selbst die Person, für die du arbeitest

Wenn du etwas für andere Menschen machst, mach etwas, das sie auch wirklich wollen:

Schreibe die Geschichte, die du lesen willst; bau das Werkzeug, das du benutzen willst. Da deine Freunde wahrscheinlich ähnliche Interessen haben, wirst du so auch dein erstes Publikum finden."

Dies ist ein guter Mittelweg für den Beginn, um die eigenen Interessen mit externen Faktoren zu kombinieren.

6. Wie viel Glück braucht es, um erfolgreich zu sein?

"Self-Made" gibt es nicht

Viele Menschen behaupten stolz, sie seien "self-made", hätten ihren Erfolg also ausschließlich auf sich selbst zurückzuführen.

Wenn man Biographien von sehr erfolgreichen Personen liest, ist es jedoch bemerkenswert, welchen bedeutenden Einfluss Glück – neben der harten Arbeit – auf den jeweiligen Werdegang gehabt hat. So hat vielen Menschen eine zufällige Begegnung oder das Lesen eines Buches, das sie zufällig in die Hand bekamen, geholfen herauszufinden, woran sie arbeiten sollten.

So ist bekannt, dass etwa die erfolgreichen Filmregisseure James Cameron und Christopher Nolan unabhängig vor ihrer Karriere den selben Film (2001: Odyssee im Weltraum) [8] geschaut haben und sich dachten: "Das kann ich auch.". Auch über Mark Twain wird Ähnliches berichtet, wonach dieser einen äußerst unwahrscheinlichen Werdegang vollzog, vom Bürgerkrieg geprägt war, beinahe als Drogenhändler endete, die Pistole (aufgrund von Suizidgedanken) niederlegte, und stattdessen Papier und Stift aufnahm – dies alles, nachdem er auf der Reise großartige Menschen traf, die ihm fantastische Ratschläge gaben und er dadurch erst seinen Weg als infolge berühmter Schriftsteller begann. [9]

Begib dich in eine Situation, dass dich das Glück finden kann 

Die Sache ist aber, dass – wenn auch Glück beteiligt war – sich diese Menschen selbst vorab in die Situation versetzt haben, dass das Glück sie auch finden kann. Graham empfiehlt, viele Dinge auszuprobieren, viele Menschen zu treffen, Bücher zu lesen und viele Fragen zu stellen, und das "zufällige Glück" außer Acht zu lassen:

"Glück kann man per Definition nicht beeinflussen, also können wir das ignorieren."

Naval Ravikant teilt diese Ansicht. Er hat für das "erzwungene Glück" eine gute Metapher – ihm zufolge gibt es vier Arten von Glück: 

  1. Blindes Glück, weil irgendetwas passiert, auf das man keinen Einfluss hat. Darunter fallen Zufall, Schicksal, höhere Gewalt.
  2. Glück durch Ausdauer, harte Arbeit, Aktivität. Dies ist auch, wovon Graham hier spricht, wenn er sagt, man solle Vieles ausprobieren.
  3. Entwickeln eines "Glücks-Sensors". Durch seine Qualifikation lernt man, Muster und Durchbrüche in seinem Bereich zu erkennen, was andere übersehen. Das deckt sich mit dem Lernen und Erkennen von Lücken von Graham.
  4. Entwickeln eines "Glücks-Charakters". Man entwickelt einen einzigartigen Charakter, eine bestimmte Mentalität, die dafür sorgt, dass "Glück einen findet".

Als plakatives Beispiel nennt Ravikant einen Tiefsee-Taucher, der über Jahre Erfahrungen im Tauchen gesammelt hat. Aus schierem Glück findet eine Person ein versunkenes Schatzschiff vor der Küste, kann aber alleine nicht dorthin gelangen. Nun ist sein schieres Glück zum Glück des Tauchers geworden, da er diesen benötigt, den Schatz zu bergen – und dieser wird dafür gut belohnt. [10]

"Sie haben sich Ihr Glück selbst geschaffen. Sie haben sich in eine Position gebracht, in der Sie von Glück profitieren oder Glück anziehen konnten, während niemand sonst dies Chance für sich geschaffen hat." – Naval Ravikant

Erfolg kommt für die meisten erst spät

Auch David Senra, Gründer & Host des Founders Podcasts, bestätigt dies. Ihm zufolge haben die wenigsten Menschen in ihren jungen Jahren bzw. mit ihrem ersten Projekt Erfolg. So sei Facebook Gründer Mark Zuckerberg eine seltene Ausnahme.[11] Er führt dies auf die Erfahrungen – und vor allem – die Selbstfindung zurück, die die Personen am Weg durchgemacht haben. So sagt auch Graham:

"Nutze die Vorteile der Jugend, wenn du sie hast, und die Vorteile des Alters, wenn du sie hast. Die Vorteile der Jugend sind Energie, Zeit, Optimismus und Freiheit. Die Vorteile des Alters sind Wissen, Effizienz, Geld und Macht. Wenn du dich anstrengst, kannst du einige der letzteren in der Jugend erwerben und einige der ersteren im Alter behalten."

Auch, wenn man damit leider nicht wirklich planen kann, Glück war bei vielen erfolgreichen Personen im Nachhinein in irgendeiner Weise involviert. Bringe dich also durch dein Engagement, deine Aktivitäten in eine Position, wo dich das Glück auch tatsächlich finden kann und vergiss den Zufall.

7. Herausforderungen & Probleme am Weg zu großartiger Arbeit

Externe Einflüsse & Störfaktoren

Neben den Meinungen und dem Unverständnis anderer gibt es auch noch zahlreiche andere Faktoren, die dich an großartiger Arbeit hindern können:

"Es gibt viele Kräfte, die dich in die Irre führen, wenn du herausfinden willst, woran du arbeiten sollst. Überheblichkeit, Mode, Angst, Geld, Politik, die Wünsche anderer Leute, eminente Betrüger. Aber wenn du dich an das hältst, was dich wirklich interessiert, bist du gegen all diese Dinge gefeit. Wenn du interessiert bist, bist du nicht in der Irre."

Zuviel Ehrgeiz

Ja, paradoxerweise kann dich auch zu viel Ehrgeiz hindern: Nach Graham gibt es zwei Formen von Ehrgeiz, nämlich einen, der dem Interesse an einem Thema vorausgeht, und einen, der aus diesem Interesse folgt.

Die meisten Menschen, die großartige Arbeit leisten, haben eine Mischung aus beidem, aber je mehr man von Ersterem hat, desto schwieriger wird es, zu entscheiden, was man tun soll. Dies trifft vor allem Personen, die sich schnell für viele Dinge begeistern können. Plane nicht zu viel, sondern spring ins kalte Wasser, und du kannst den Ehrgeiz für dich nutzen.

Prokrastination & Aufschieben

Graham sagt, dass es zwei Möglichkeiten gibt, mit etwas zu beginnen (pro Tag und pro Projekt), dementsprechend gibt es auch zwei Möglichkeiten, wie man die Arbeit aufschieben kann.

Die projektbezogene Prokrastination sei die weitaus gefährlichere, da man den Beginn eines ehrgeizigen Projekts von Jahr zu Jahr aufschiebt, weil der Zeitpunkt nie passe. Das Problem dabei sei, dass sich diese Form der Prokrastination als Arbeit tarne, da man ja nicht nur einfach herumsitze und nichts tue, sondern fleißig an etwas arbeite – man ist schlichtweg zu beschäftigt, um das zu bemerken.

Als Lösungsansatz gibt Graham mit, sich zu fragen: "Arbeite ich an dem, was ich am liebsten tun würde?". In jungen Jahren sei ein "Nein" noch eher in Ordnung, aber mit zunehmendem Alter werde dies immer gefährlicher.

Unrealistischer Zeitaufwand

Viele Menschen überschätzen, was sie kurzfristig machen können, und unterschätzen, was sie langfristig bewegen können. In der schnellen Motivation macht es Spaß, Dinge zu beginnen, bevor Mühen, Stress, ausbleibende erwartete Erfolge erst einsetzen. Ein gewisses Maß an Realismus ist deswegen hilfreich, auch die Hindernisse vorweg zu antizipieren.

Paradoxerweise können diese "Lügen" auch helfen, das Projekt erst zu beginnen: Wenn man stets von vornherein daran denken würde, wie komplex, langwierig und herausfordernd sich die Sache gestalten wird (und das wird jede Sache von Bedeutung), dann hätten wohl viele Menschen erst gar nicht damit begonnen.

Insofern sieht Graham durchaus einen Vorteil insbesondere bei jungen Menschen, die noch weniger an die Konsequenzen, als vielmehr "unrealistisch" an die Möglichkeiten denken und einfach starten. Graham sagt gar, dass dies eine seltene "Selbstlüge" rechtfertigt, da der Erfolg dadurch erst eintreten kann und keinesfalls einen Charakterfehler darstellen würde, als vielmehr in der Natur der Sache liege. 

Weitere Beispiele für solche effektiven Selbstlügen sind etwa, sich zu sagen: "Ich lese einfach mal durch, was ich habe", und dann gleich wieder richtig involviert zu sein oder sich zu sagen: "Wie schwer kann das schon sein?", und einfach zu starten. Auch darf man die Bedeutung der Sache, an der man arbeitet, gerne übertreiben, wenn das für sich selbst ein wichtiger Motivationsfaktor ist. Wenn das dazu beiträgt, dass man dann etwas Neues entdeckt, wird sich herausstellen, dass es doch keine Lüge war.

Zu harte Arbeit & falsche Prioritäten

Man muss zwar hart arbeiten, aber man kann nach Graham auch zu hart arbeiten, und wenn man das tut, wird man feststellen, dass der Ertrag abnimmt:

"Müdigkeit macht dumm und schadet schließlich sogar der Gesundheit. Der Punkt, an dem sich die Arbeit nicht mehr lohnt, hängt von der Art der Arbeit ab. Einige der härtesten Arbeiten können Sie vielleicht nur vier oder fünf Stunden am Tag machen."

Graham empfiehlt, sich längere, durchgehende Zeitblöcke (4-5 Stunden) freizumachen, da man nur hier wirklich großartige Arbeit leisten könne. Das ist vergleichbar mit dem "Deep Work"-Konzept von Cal Newport, der ebenfalls die Wichtigkeit von solchen ununterbrochenen, langen Zeitblöcken betont. Andernfalls können man auch gar nie in eine solche Tiefe kommen, da es Zeit brauche, bis sich Konzentration, Geist, Gehirn auf die Arbeit eingestellt hätten. Deswegen sind ständige Unterbrechungen (Benachrichtungen, E-Mails, Anrufe, Social Media etc.) auch so kontraproduktiv, da sie nicht nur Zeit fressen, sondern auch diesen tiefen Fokus komplett verhindern bzw. zunichte machen würden. [12]

Ein ausgewogenes Verhältnis von harter Arbeit und Erholung seien dabei wichtig, auch da erst in der Pause der Input richtig verarbeitet werden könne, und so erst neue Ideen und Lösungsansätze auftauchen können, die ansonsten unterdrückt werden. Was "harte Arbeit" ausmache, definiert Graham in einem anderen Essay (How To Work Hard). [13]

Zusammenfassung und Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen: Auf dem Weg zu großartiger Arbeit gibt es laut Graham vier wichtige Schritte

  1. Wähle ein Gebiet aus, in dem du Interessen und Begabungen hast.
  2. Lerne genug, um an die Grenzen des Wissens zu gelangen
  3. Erkenne Lücken, Muster, Anomalien, die andere übersehen.
  4. Erforsche die vielversprechendsten Lücken. 

So hat es praktisch jede Person gemacht, die Großes geleistet hat, von Malern, Sportlern, Unternehmern, bis hin zu Physikern.

Wenn du deinen Interessen folgst, wirst du stets den notwendigen Antrieb haben, der dich über Tiefs, äußere Widerstände und Hindernisse begleitet und dir einen individuellen Vorteil gibt, weil es für dich natürlich ist, während es für andere unmöglich wirkt.

Was bedeutet für dich "großartige Arbeit"?


Referenzen

  1. Graham, How To Do Great Work (2023).
  2. Jorgenson, Der Almanach von Naval Ravikant* (2021), 83.
  3. Senra, Founders Podcast (2023), #314 Paul Graham (How To Do Great Work).
  4. Jorgenson, Der Almanach von Naval Ravikant* (2021), 48.
  5. Originalzitat: "If you don't try to be the best, you won't even be good." – Paul Graham.
  6. Zitierte Erkenntnis vom Psychologen Dean Simonton in Grant, Originals – How Non-Conformatists Move The World* (2016), 48.
  7. Originalzitat zu Anomalien & seltsamen Abweichungen: "Great work often has a tincture of strangeness. You see this from painting to math. It would be affected to try to manufacture it, but if it appears, embrace it." – Paul Graham.
  8. Film von Kubrick, 2001: Odyssee im Weltraum (1968).
  9. Senra, Founders Podcast (2023), #312 Mark Twain
  10. Jorgenson, Der Almanach von Naval Ravikant* (2021), 87f.
  11. Senra, Founders Podcast (2023), #314 Paul Graham (How To Do Great Work).
  12. Newport, Deep Work – Rules For Focused Success In A Distracted World* (2016), 3f, 16.
  13. Graham, How To Work Hard (2021).

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Mag. Nikolaus Juranek

Mag. Nikolaus Juranek ist Jurist und Dipl. Lehrtrainer für Erwachsenenbildung. In seinen Artikeln beschäftigt er sich damit, wie man sich praxisrelevante Skills und Fähigkeiten aus den verschiedensten Bereichen aneignet, um in Beruf, Hobby und Privatleben zu wachsen und in dem, was man macht, neue Standards setzt.

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